Mein Großvater stammt aus dem Polnischen Lipiany und ist am 19.04.1930 geboren. Wie alle Menschen dieser Generation, hat auch er viel erlebt und durchgemacht im 2. Weltkrieg. Keine Frage war das eine schwere Zeit, mit traumatischen Ereignissen, wie wir sie uns heute gar nicht vorstellen können. Er erzählte so gut wie nichts darüber. Vielleicht, hat ihn aber auch nie jemand richtig gefragt und mit ihm darüber gesprochen. Vielleicht, traute sich niemand so recht, diese Themen anzusprechen und so wissen wir heute nur einige wenige Details und Geschehnisse. Zum Beispiel, dass er auf einem Flüchtlingstreck seinen Vater und 2 Brüder verlor, als Russische Panzer in die Menschenmenge fuhren.

Mit 16 Jahren fing ich an, mich mehr für seine Geschichte und sein Leben zu interessieren. Allerdings habe ich ihn selbst nie gefragt glaube ich. Es sagten immer nur alle, dass er darüber nicht spricht. Egal ob ich meine Eltern oder meine Oma fragte. Warum ich ihn nie selbst fragte, weiß ich nicht und kann ich mir auch nicht erklären.

Ein paar Jahre später, als ich ein eigenes Blog hatte und 2004/2005 das erste mal von Podcasts erfuhr. Dann etwas später selbst mit dem Videobloggen anfing, da kam mir immer wieder ein Gedanke. Mein Opa sollte seine Geschichte erzählen und ich wollte sie als Audiodatei oder auf Video aufnehmen und vielleicht in einem Podcast veröffentlichen. Es kam nie dazu. Ich schob es vor mir her, redete mich mit Zeitmangel raus, war dann zu weit weg und zu selten in der Heimat und hab schliesslich, auch nicht gefragt ob er es tun würde.

Er erkrankte an Demenz und er erzählte jetzt etwas mehr von früher und seiner Kindheit, was wohl gar nicht selten ist bei dieser Krankheit. Das Kurzzeitgedächtnis lässt stark nach, Erinnerungen an früher sind präsenter und die zeitliche Wahrnehmung ist durcheinander. Da die klaren Momente aber noch überwiegen, war das wohl die letzte Möglichkeit und wäre vielleicht, sogar ein guter Zeitpunkt gewesen mit ihm über sein Leben zu reden. Ich fragte nicht.

Die Krankheit schritt, mit all ihren schrecklichen Symptomen, schnell voran und mein Opa lebte sozusagen in seiner eigenen Welt. Er erkannte meistens niemanden von uns und selbst meine Oma, mit der er über 60 Jahre verheiratet und nie länger als wenige Stunden von ihr getrennt war. War in seiner Wahrnehmung, ganz oft irgendjemand anderes als seine Frau.

Ich kannte ihn immer, als aufgeschlossenen, hilfsbereiten und ehrlichen Mann. Er hat hart gearbeitet, um seiner Familie alles zu ermöglichen. War ein angesehener Schlossermeister, der von vielen respektiert wurde und auf dessen Meinung immer großen Wert gelegt wurde. Von weit her kamen sie zu Ihm, um seinen Rat und seine Kenntnisse in Anspruch zu nehmen. Egal welche Landmaschine oder welches Fahrzeug nicht mehr funktionierte, wenn sie sich keinen Rat mehr wussten, war er ihre letzte Hoffnung.

Ich fuhr 2 mal mit, um ihn im Krankenhaus zu besuchen. Furchtbar fand ich es, ihn so zu sehen und zu erleben. So schmerzhaft sein Verlust war, so erleichtert waren wir, auch als er einschlief.

Heute vor 2 Jahren verstarb mein Großvater.

Ich weiß kaum etwas über sein Leben, vielleicht weil er nicht viel erzählte.
Vor allem aber, weil ich nicht fragte.

Die Geschichten gehen verloren, weil niemand fragt. Niemand kann sie weiter erzählen oder aufschreiben und sie geraten in Vergessenheit und so verschwinden auch Teile, unserer eigenen Geschichte.

Ich wünschte, er hätte  seine Geschichte erzählt und ich hätte sie aufgezeichnet.
Ich wünschte ich hätte gefragt!
Er fehlt mir!

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